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Der „fehlende“ Wunsch
Antje saß über ihrem Weihnachtszettel. Bis jetzt hatte sie noch nichts geschrieben. Was soll ich mir wünschen?, dachte sie im Stillen. Ich hab doch alles! Sie dachte an ihren Mann, von dem sie einmal geglaubt hatte, der Himmel hätte ihn ihr geschickt. Etwas, wovon sie noch immer überzeugt war. An ihr einziges Kind, Sven, welches alle Eigenschaften beinhaltete, die sie sich immer von Kindern gewünscht hatte. Vor dem geistigen Auge tauchte ihre Mutter auf, die sich trotz ihres hohen Alters noch einer prächtigen Gesundheit erfreuen durfte. Ihr Vater, der leider schon verstorben war, ihr aber alles Wichtige auf den Weg mitgegeben hatte, was ein Mensch fürs Leben braucht. Daran, dass sein Andenken so präsent war. Ihre Schwiegereltern kamen ihr in den Sinn. Nicht selbstverständlich, wenn man das Gefühl haben durfte, wirklich und wahrhaftig auch dort ein „Kind“ zu sein. Was nur soll ich mir wünschen?
Ihr Blick ging zum Kalender. Noch sieben Tage bis zum 1. Advent. Die Wunschzettel, so hatten ihr Mann und sie es vereinbart, hatten bis zum Montag davor auf dem kleinen Dielentisch zu liegen. Gerade so, als wären sie unabsichtlich dort abgelegt worden, was es dem jeweils Anderen ermöglichte, sie ohne ein Wort aufzunehmen und einzustecken. Ob sein Zettel wohl schon dort lag? Antje stand auf und lugte um die Ecke. Nein! Das Einzige auf dem Tisch waren zwei Haustürschlüssel, zwei Handies und die immer gefüllte kleine Schale Gummibärchen. Er weiß wohl auch nicht, was er sich wünschen soll!, dachte sie amüsiert. Meine Güte! Wir sind doch nicht „so satt“, dass wir keine Träume mehr haben! Thema verfehlt!, meldete sich eine innere Stimme. Darum geht es wohl kaum! Je mehr sie darüber nachdachte, desto sicherer wurde sie. Nein, DARUM ging es nicht! Erst vor kurzer Zeit hatten sie dieses Haus gekauft, mehr für ihr Kind als für sich selbst, damit es später einmal etwas „hatte“. Wirklich „leisten“ hätten sie es sich eigentlich gar nicht können. Prestigedenken war ihnen, seit ihrem ersten gemeinsamen Tag, gänzlich abhanden gekommen. Ein Auto musste von A nach B bringen und dies nach Möglichkeit ohne absehbaren Werkstattaufenthalt. Kleidung? Sicher, sie machten sich gerne hübsch füreinander, aber das ging auch ohne irgendwelche Marken, wenn man Geschmack hatte. Düfte? Jetzt wurde es schon schwieriger. Dafür hatten beide ein Faible, doch leider war es so, dass die Günstigen nicht lange anhielten. Sie notierte mit Bleistift: DÜFTE. Man konnte es ja immer noch ausradieren. Ach ja, das Haus. Ihm hätten sie beide viel angedeihen lassen wollen. Aber das Geld dafür fehlte. Jedenfalls für die Schönheitsreparaturen. Die monatliche Belastung war zu hoch und noch ging er alleine arbeiten. ARBEITEN! Sie wusste, hier lag der Pfeffernussduft begraben. Arbeit. War das ein Wunsch? Vielleicht. Aber kaum für den Partner, um diesen zu erfüllen. Schließlich war er ja kein Arbeitgeber. Sie dachte an ihren Traum. Seinen und ihren. Das gemeinsame Ziel. Er hatte sich von der „Schreiberei“, wie er es manchmal liebevoll nannte, verabschiedet. „Du hast so viel zu sagen, das reicht für uns beide!“, hatte er letztens noch gemeint. Wie gerne würde sie in diesem Bereich etwas tun. Etwas Tragendes schaffen. Ein Fundament legen, das ihnen etwas einbrachte. Nicht nur ihr. Geld, das böse Geld. Sie wünschte es sich nicht, aber sie brauchten etwas mehr davon. Nur würde „ES allein“ sie ebenso wenig befriedigen wie sie es sich wünschte. Was also wünsche ich mir? Sie dachte an die Strickweste für ihre Schwester. Der letzte Ärmel musste noch gestrickt werden. Sie hatte bald Geburtstag. Etwas richtig Schönes hatte sie ihr schenken wollen und wusste, dieses Jahr wäre es soweit. Die Wolle für ihren Kleinen fiel ihr ein und der halb fertig gestrickte Pullover für ihren Mann. Mit einem Lächeln dachte sie daran, welche Augen beide wohl machen würden, wenn sie den Adventsschmuck zu sehen bekämen, den sie gebastelt hatte, die Tischdecke, die in den Morgenstunden entstanden war in denen sie vorgegeben hatte, noch geschlafen zu haben. Und wieder dachte sie ans Schreiben. DAS, worin sie sich wieder fand, egal, was der Kalender für ein Datum zeigte. Mit dessen Hilfe sie in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft springen konnte, Gedanken aufgreifen und umzusetzen vermochte. Wo es ihr gelang, Botschaften in einer Ausführlichkeit zu überbringen, was sonst nicht immer so auf Anhieb klappte. Aus Mangel an … ZEIT.
Sie lächelte, griff zum Radiergummi, löschte das Wort „Düfte“ und pustete die verbleibenden Krümel von dem Wunschzettel. Dann nahm sie einen Füllfederhalter und schrieb folgenden Text:
Die Zeit meint es gut mit uns. Sie steht uns nicht im Weg. Sie erinnert mich an unser Aroma, welches vollständig ist. Einen Wunsch habe ich nicht. Oder vielleicht: möge „sie“ uns weiter so gnädig sein und den „Duft des erfüllten Moments“ nicht vergessen lassen.
In Liebe, dein Gegenstück
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