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"Auf dem Weg der Erinnerung" (eine Weihnachtsgeschichte)
Der Himmel hatte ein Problem, ein gewaltiges sogar. Mittlerweile war die zweite Adventwoche angebrochen und sämtliche Engel welche zur Aufgabe hatten, die notwendigen Vorkehrungen für die irdische Bescherung zu treffen, waren nach und nach erkrankt. Als der Weihnachtsmann aus seiner Fürsorgepflicht heraus auch den letzten Cherub hatte anschicken müssen sich auf seiner Wolke zu erholen, stand er kurz vor dem nervlichen Zusammenbruch. Was tun? Keinen Rat mehr wissend, machte er auf dem Flur vor der Himmelswerkstatt halt und betrat in seiner Not spontan die heiligsten Gefilde – nichts geringeres als die hausprivate Wohnstätte Gottes.
Grelles Licht blendete ihn, als er ganz in Gedanken versunken deren Innenraum betrat. “Was führt dich her zu so später Stunde?“ fragte ihn die vertraute Stimme. „Du weißt, dass ich nichts mehr weiß, Herr!“, entgegnete er. „Ich brauche deinen Rat! Einerseits sorge ich mich um unsere geflügelten Geschöpfe, andererseits um die Auftragserfüllung. Geschenke und so weiter, du weißt schon.“ „Das klingt gerade so, als wenn es nur noch darum ginge, die Packete zur Erde zu bringen. Du meinst es anders, wie ich weiß. Magst du es mir mit deinen Worten erklären?“ Gottes Stimme klang, trotz der misslichen Lage in der sich der Himmel befand, amüsiert. „Nun, die Geschenke liegen verpackt und beschriftet im Engelslager, der Schlitten ist geputzt und die Rentiere sind mit Futter versorgt bis zum Tag der Abreise, Herr.“ „Ich höre bis jetzt nur Äußerlichkeiten. Warum sagst du nicht offen heraus, wo dir der Stiefel drückt? Die Gesundheit der Engel lass mal meine Sorge sein. Also, was ist es?“ Der Weihnachtsmann räusperte sich vernehmlich und fuhr nach einer Weile, in die er allen Mut fasste, nicht auf der Stelle kehrt zu machen, fort: „Die Wunschzettel … sie sind nicht restlos erfüllt. Die Menschen wünschen sich allesamt das Gleiche und … Es ist vergriffen!“ „Vergriffen würde heißen, nicht mehr vorhanden, aber nachlieferbar. Dem ist nicht ganz so, wie du sehr wohl weißt. Was die Menschheit sich zurückwünscht, hat sie selbst zur Ruhe gebettet. Es ist von der Erde verschwunden und hält hier eine Art Dornröschenschlaf. Finde Menschen, welche ein Gefühl dafür haben, ein Gespür wo es liegt, und eine Idee was es braucht, um ins Leben zurück zu finden. Menschen die bereit sind, für ihre Konsequenzen einzutreten und sich selbst soweit zurück zu nehmen, damit sich der Sinn der Botschaft erfüllen kann. Und vielleicht das Wichtigste. Sie müssen alle etwas gemeinsam haben: Vertrauen in das, woran sie glauben. Bringen sie diese Voraussetzungen mit und schaffen es, das Gesuchte zu finden, gebe ich der Erde noch einmal eine Chance, dass sie ihr höchstes Gut zurückerhält!“
Der Weihnachtsmann überlegte eine Weile. Wie brachte man diese Botschaft schnellstmöglich unter die Erdbewohner? Ein Zeitungsinserat! Sicher! DAS wäre eine Möglichkeit. Zeitung lasen sie schließlich alle. Mehr oder weniger gründlich, räumte er bei sich ein, aber darauf kam es ja gar nicht an. Die Auserwählten würden die Annonce schon finden. „Ich danke dir Herr und entschuldige meinen späten Besuch.“ „Zur Entschuldigung besteht kaum Anlass! Ich hätte diese dann angenommen, wenn du dich nicht um die Engel gesorgt hättest oder die Geschenke für wichtiger als alles Andere hieltest. Damit wäre mit diesem Jahr auch das letzte Weihnachtsfest beschlossen gewesen. Aber so? Jetzt freue ich mich darauf, zuzusehen, WIE du die Lösung herbeiführen wirst. Bringe dich aber nicht zu sehr ein, hörst du? Die Annonce ist vorerst deine letzte Tat. Den Rest müssen Andere erledigen. Sollten sie es schaffen, dann bist du selbstverständlich zuständig für den Transport der Geschenke. Aber nur dann. Schließlich handelt es sich um Zierrat, nichts weiter! Und Eines noch: nimm den oder die Menschen, die sich als erstes bereit erklären, den Auftrag zu übernehmen. Ab dort suche nicht weiter. Es wird niemand mehr folgen, um sich hierauf zu bewerben. Jetzt geh. Du hast meinen Segen.“ „Vielen Dank Herr!“ „Einen Moment noch, mein Sohn.“ „Ja.“ „Gräme dich nicht. Vertraue wie sonst auch. Der Himmel ist mit dir.“
Der Weihnachtsmann hielt einen Moment inne. SEHEN konnte man Gott ja nicht, aber es schien, als hätte er ihm zugezwinkert und eben jene Form der Wärme machte sich im Inneren breit, die es ihm seit Jahren ermöglichte, doch recht spärlich bekleidet, der Kälte der Lüfte zu trotzen. Etwas benommen von der Helligkeit und den daraus hervorgetretenen Worten, schwankte er zur Tür und verließ den unvergleichlichen Sektor des Himmelsgewölbes um sich gleich darauf in der Engelswerkstatt höchstpersönlich an die Arbeit zu machen. Der Technikengel war ein sehr ordentlicher, was ihm jetzt eine große Hilfe war. Binnen weniger Sekunden war der Zugriff auf den Chefbereich der Zeitungsredaktionen hergestellt und im Popup-Fenster der Bildschirme der Chefredakteure blinkte ein Briefumschlag mit der Information: Daten aktualisiert. Druckfreigabe aktiviert. Für mehr Informationen bitte hier klicken. Fürs Erste zufrieden lehnte der Weihnachtsmann sich zurück. Nun hieß es, Abwarten und Glühwein trinken.
Als die leitenden Journalisten wenige Zeit später der Bildschirminformation folgten, bemerkten sie nicht die kurz in strahlend heller Farbe aufstrahlende Zwischeninformation: nochmalige Datenaktualisierung im himmlischen Erfolgssinn sondern dachten allesamt, dass ein nochmaliges höchstpersönliches Bestätigen der Taste ihrerseits erforderlich wäre, weil sich noch diverse, eigentlich schon zum Druck freigegebene Artikel in der Zwischenablage befänden. In ihrem Selbstverständnis drückten sie die Entertaste, ohne zu ahnen, wer ihnen da ein Schnippchen geschlagen hatte.
Die ersten Zeitungen waren ausgetragen und bis jetzt hatte noch niemand dem Anzeigenteil Beachtung geschenkt. Kein Mensch außer den fünf jungen Frauen, die mit Aushilfsjobs ihren geringen Monatslohn aufzubessern versuchten. Es handelte sich um Schwestern, genauer gesagt um Fünflinge, die nicht hätten verschiedener sein können, wenn sie verschiedenen Familien und unterschiedlichsten Gesellschaftsverhältnissen entsprungen wären. Die Frage nach dem Land, aus dem sie stammten, tut nichts zur Sache. Sie kamen von der Erde, allein das ist wichtig zu wissen.
Wie immer am Morgen hatten sich die fünf 20jährigen auch heute zum Frühstück im neuen Bistro am Bahnhof getroffen, um nach getaner Arbeit ein gemeinsames Frühstück zu nehmen. Das Lokal hatte erst gestern eröffnet und sie waren die einzigen Besucher gewesen. Carmen, die couragierteste unter ihnen, hatte mal wieder zuerst den Blick auf den Nabel der Welt, wie sie es nannte, geworfen. „Hey, hört mal alle für einen Moment her. Da ist irgendein Irrer, der uns Weihnachten beschert!“ „Was liest du denn? Och, wieder den Stellenteil? Sag nicht, da stünde mal ausnahmsweise was Gescheites drin, wo neben der Arbeitszeit und Zeiteinteilung auch noch die Bezahlung stimmt.“ Lore, das Nesthäkchen, zog einen Schmollmund. „Du bist der Pessimist unter uns Süße!“, lachte die vorurteilslose Laura und riss Carmen die Zeitung aus der Hand. „Wo? Ach da steht’s ja: Fünf Helfer für himmlischen Auftrag gesucht. Sind Sie dynamisch, voller Ideen, frei für einen einzigen Tag der kommenden Woche und verfügen über Herz und Seele? Dann sind Sie es, nach dem ich suche. Himmelspforten & Co. Der Leistungsabsender. Kontakt über 00100200300400500. „So ne Nummer gibt’s eigentlich gar nicht, aber ich versuch es mal zum Spaß und wenn’s nicht klappt, verbuch ich’s unter Erfahrungswerte.“ „Du kannst nie ernst sein“, maulte Lore, während Laura zum Handy griff und die Nummer wählte. „Seid mal alle für einen Moment still!“ bat sie. „Ja, guten Morgen. Scherbe mein Name, Laura Scherbe. Ich hoffe, ich bin nicht zu früh. Aber ihre Annonce sprach mich an und ich wollte die Erste sein, die sich meldet. Wie? Die Stelle ist noch zu haben?“ Laura fuchtelte mit der linken freien Hand in Richtung ihrer tuschelnden Schwestern. Psst mahnte ihr Finger vor dem Mund. „Ja, die Voraussetzungen bringe ich mit. Eine Frage aber: stellen Sie nur eine Person ein? Wie? MEHR?“ Laura schien es unvermittelt egal geworden zu sein, ob zusätzliche Raumgeräusche ans Ohr des Gesprächspartners drangen, denn sie hüpfte hörbar laut auf der quietschenden Holzbank des Bistros auf und ab. „Ja, ich habe vier Schwestern. ALLE geeignet. Wann sollen wir denn? GLEICH? Aber sicher gern. Und wo? Zum Güterbahnhof. Okay. In fünf Minuten sind wir da.“ Sie drückte auf den Knopf und schrie in die Runde der verdutzt dreinblickenden Gesichter: „Los, auf! Bezahlen und nix wie raus hier und hin. Der Tag ist unser!“ „Dann geh ich mal eben!“ Gudula eilte in der ihr angeborenen Fürsorge zum Tresen, entrichtete die Gastschuld und folgte den bereits Davoneilenden so schnell sie konnte.
Der Zugang zum Güterbahnhof war spärlich beleuchtet. Doch kaum um die Ecke zum Lager gebogen sahen die Frauen den Schlitten, welcher durch eine an jeder Ecke angebrachte Gaslaterne die Nacht in ein Dämmerlicht zu tauchen schien. Claudia, die Ängstliche, fand zuerst ihre Stimme wieder. „Das ist mir unheimlich.“ Sie beäugte kritisch das Gefährt nebst den vorgespannten Rentieren. „Kommt, lasst uns umdrehen!“ „Du bist wohl nicht ganz bei Trost!“, schimpfte Carmen. „Reiß dich mal am Riemen! Das ganze spricht zunächst im positivsten Sinn für Etikette. Jetzt will ich wissen, ob die mehr zu bieten haben als Firlefanz!“ Sie legte ihren Arm um das offensichtlich fröstelnde Mädel und zog es mit sich.
Der Weihnachtsmann schritt, den wärmenden Mantel in der Hektik im Himmel vergessen und jetzt lediglich noch in die weinrote Livree gehüllt, der Frauengruppe die letzten Meter betont gelassen entgegen. „Guten Morgen. Schön, dass Sie gleich kommen konnten. Ich bin der W.. Werksfahrer und möchte Sie an Ihren neuen Arbeitsplatz bringen.“ „Wissen Sie, wie hoch die Vergütung pro Stunde ist und wie viel Zeit der Arbeitstag umfasst?“ platzte Lore heraus. „Psst. Nun sei doch erst mal still!“ Gudula schubste sie sanft. „Der Arme hat einen Sprachfehler und ist anscheinend nur der Fahrer. Woher soll ER das denn wissen?“ „Würden Sie den Gegenwert nach erledigter Arbeit in Gold erhalten, so wäre der Umfang für den Kofferraum – sagen wir mal eines Mercedes Kombi – zu immens.“ Die Mädchen schienen sich mit Schlitten auszukennen, denn er hatte jetzt Mühe, rechtzeitig den Weg zu den Sitzplätzen frei zu machen auf welche sie in Windeseile stürzten um im nächsten Moment Platz zu nehmen. Mit schmunzelnder Grimasse rief er sein „Ho-ho-ho“, ergriff die Zügel und brachte das himmlische Gefährt nebst wertvoller Fracht in die Spur Richtung Heimathafen, und noch ehe die Mädchen begriffen hatten was da geschah, setzte er auch schon zur Landung an.
Carmen fand als erstes in die Gegenwart zurück. „Wären Sie so freundlich uns zu erklären, wo wir sind?“ „Im Himmel, mein Kind.“ “Aha! Dachte ich’s mir doch.“ Dann ergänzte sie heftig: „Sie wollen uns wohl vergackeiern! Sofort zurück …“ Sie rang hörbar nach Luft. „Dafür wäre der Osterhase zuständig“, meinte der Weihnachtsmann erheitert. „Ihr seid hier, weil ihr zugesagt habt, die euch gestellte Aufgabe zu übernehmen. Einzelheiten dazu möchte ich aber nicht zwischen Himmelspforte und Landeplatz erklären müssen. Wartet bitte einen Moment, während ich die Tiere in ihre Unterkunft bringe. Die Fahrt war lang. Danach erkläre ich alles bei einer heißen Tasse Milchkaffee.“ Einen Kommentar oder gar Widerspruch schien er nicht zu erwarten, genauso wenig, wie einen Protest wegen der persönlichen Anrede, denn im nächsten Moment schon waren Rudolph und seine Gefährten vom Zaumzeug befreit und der Weihnachtsmann verschwand mit ihnen hinter einer der kleinen Türen.
Die Mädchen starrten die mittlere der Türen an; groß, erhaben und irisierend in der Farbe hob sie sich von den anderen in Gold gehaltenen dreiundzwanzig ab. “Moment meine Damen, jetzt kommt zur Einstimmung erst einmal der gemütliche Teil - sozusagen eine Frühstückspause vor Arbeitsbeginn!“ Mit einem überdimensional großen Schlüssel bahnte er sich eine Gasse zwischen den sprachlos Staunenden hindurch und schloss die besagte vierundzwanzigste Tür auf. „Wahnsinn, dieser Boden!“ Lore beäugte begeistert den dunkelblau glänzenden Untergrund, in welchem ein Meer von Sternen zu schwimmen schien. „Wo gibt es denn so was?“ Gudula knuffte sie in die Seite. „Falls du es nicht bemerkt haben solltest, wir sind im H..“ „Himmel Herrgott Sakra..“ Das kurz vernehmbare Donnergrollen ignorierend, fiel Laura als Nächste in ungläubiges Staunen. Direkt hinter Gudula stehend, aber in einem anderen Winkel als diese, erhaschte sie nämlich als Erste einen Blick in die Himmelswerkstatt oder besser gesagt, in den Küchenteil davon. „Meine Lieben, die irdischen Fragen beantworte ich euch gerne später, sollten wir noch Zeit haben. Jetzt kommt erst mal mit in die gute Stube.“ Schweigend folgte ihm die Mädchengruppe in den vom Kaminfeuer durchfluteten Raum. „Zieht euere Mäntel und Jacken aus und nehmt auf den Schemeln vor dem Feuer Platz. Ich hole uns etwas zur Stärkung.“
Kurz später lauschten alle den Worten des Mannes, den sie einst für den Werksfahrer gehalten hatten, bei Milchkaffee, Gebäck nebst Bratäpfeln mit Vanillesoße, Würstchen im Schlafrock und frisch gebackenen Brötchen. „Wir haben keine Zeit zu verlieren, deshalb fasse ich mich kurz: Die Engel sind erkrankt und können ihren üblichen Aufgaben kurz vor Weihnachten nicht mehr nachgehen. Alle Geschenke sind besorgt, verpackt und beschriftet und müssen lediglich noch auf den Schlitten gepackt werden. Das ist aber nicht alles. Ein Part der Wunschzettel ist noch unerledigt. Die Menschen wollen etwas zurück, das von der Erde verschwunden ist. Es war das Beste, was die Menschheit je hatte. Das größte Geschenk Gottes. Nun haben sie aber selbst im Laufe der Jahre alles damit Verbundene von ihrem Planeten vertrieben und daher hat Gott bestimmt, dass nur Menschen es finden und der Erde zurückbringen dürfen. Der Schlüssel zur Lösung liegt irgendwo im Himmel versteckt. Wo, weiß ich nicht. Das herauszufinden und damit den letzten Punkt auf der Weihnachtsliste zu erledigen, dafür wurdet ihr engagiert. Alles klar? Stärkt euch noch einen Moment und dann macht euch an die Arbeit. Die Zeit ist der einzige Feind in dieser Angelegenheit!“ Er wartete keine Antwort ab und war im nächsten Moment aus den Augen der Fünflinge verschwunden.
Die Mädchen überlegten einen Moment. Was war wohl gemeint? Der „Stein der Weisen“? Gott ließ sich doch nicht in die Karten gucken! Außerdem fand man ihn bekanntlich nur mit großer Liebe zum Detail. „Die Liebe finden …“ echoten die Mädchen einen Moment lang in Richtung der Stelle, wo diese unglaubliche Figur soeben der Himmelsboden verschluckt zu haben schien. „WAS haben wir da eben gesagt?“ Die Erkenntnis, um was es sich handelte, kam im Chor. „Da haben wir den Salat“, jammerte Lore. „Das klappt schon irgendwie“, meinte Laura aufmunternd. „Es muss einfach klappen, wenn wir schon mal hier sind“, ergänzte Carmen. „WIR haben einen Auftrag angenommen. Jetzt hilft kein Lamentieren, Infragestellen ob es geht oder nicht“ meinte Gudula und fügte mit einem Seitenblick auf Claudia hinzu: „Am wenigsten die Angst davor, es erst mal zu wagen.“
Sie beratschlagten sich, was als nächstes zu tun sei und nahmen das nahe Liegende und damit das zunächst am einfachsten zu Bewerkstelligende in Angriff. Binnen kurzer Zeit war der Schlitten gepackt und alle Geschenke im Inneren verstaut. Die Furcht vor der eigenen Courage hatte einen deutlichen Dämpfer bekommen. Mutig und von Tatendrang getrieben durchforsteten sie das Himmelsgewölbe, wo Hunderte von Engeln auf ihren Wolken lagen und unregelmäßige Atemgeräusche von sich gaben.
“Hallo, seid ihr wach?“ Kurioserweise traute sich Claudia als Erste, die ihr fremd und vertraut zugleich erscheinenden Wesen anzusprechen. Ein vereinzeltes Hatschi, Hüsteln und Grummeln kam zur Antwort. „Irgend jemand von euch?“ Nun traute sich auch Gudula. Ein Engel wurde wohl gerade von einem heftigen Hustenreiz geschüttelt als Laura das Gefühl erreichte, eine Antwort wäre hierdurch im Himmelszelt verloren gegangen. „Einer hat etwas gesagt. Ich habe es deutlich gespürt!“ „Dann müssen wir uns teilen!“ rief Carmen. „Sonst stehen wir morgen noch hier.“ „Wir gehen sternförmig in alle Richtungen. Ich nehme rechts außen. Ihr teilt euch entsprechend auf.“ Lore wirkte wundersamer Weise ganz anders als sonst und erstmals in ihrem Dasein, folgten die älteren Geschwister dem jüngsten Glied der Kette.
Jede der Fünflinge sprach im Laufe ihrer Suche unzählige von Engeln an. Man bekam hier und da eine Antwort. Vermehrt aber erfolgte auf die gestellten Fragen kein Echo, ließ man die grippeähnlichen Nebengeräusche einmal außer Acht. Genau darin aber vermutete Gudula den „Springenden Punkt“. Die Engel waren erkrankt. Warum? Weil keiner sich auf der Erde Gedanken um sie machte? Sie spürte Augenwasser aufsteigen und folgte spontan ihrer Eingebung, dem vor ihr auf einer Wolke sich hin und her wälzendem Engel die sichtlich erhitzte Stirn mit ihren herabtropfenden Tränen zu kühlen. Da! Spielte die Fantasie ihr jetzt einen Streich oder hatte er eben geblinzelt? Sie kniete sich hin, beugte sich zu ihm herab und fragte, für einen Moment ihren Auftrag vergessend: „Wie geht es dir?“ Der Engel schlug die Augen auf und lächelte. „Danke. Irgendwie viel besser als noch eben. Das geht auf dein Konto. Kann ich mich dafür revanchieren?“ Gudula hätte jetzt selbst etwas Abkühlung gebraucht. „Äh. Ja … vielleicht. Meine Schwestern und ich sind auf der Suche nach der Liebe. Sie muss hier irgendwo verschlossen sein. Die Erde friert. Weißt du?“ „Du anscheinend nicht“, meinte der Engel sichtlich erheitert und setzte sich auf. „Ich weiß um einen Teil der Antwort zu diesem mystischen Rätsel. Gib mir mal den Stern hinter meinem Kissen.“ Gudula zupfte ihn hervor. „Bitte.“ Der Engel hauchte einmal über dessen Körper, fuhr mit seinem Hemdärmel über die Oberfläche und als diese aufleuchtete überreichte er ihn Gudula mit den Worten: „Er wird die letzte Aufgabe für euch übernehmen. Lass ihn jetzt frei.“ Gudula nahm den Stern, um ihn gleich darauf wieder los zu lassen. Das Himmelslicht fuhr nach oben und entfaltete einen überirdisch hellen Glanz am Firmament. “Ich danke dir. Auf Wiedersehen“, wollte Gudula gerade sagen, als der Engel ihre Schulter berührte. „Du hast deinen Schutzgeist aktiviert. Er wird dich begleiten, denn er kennt sich hier aus.“ Hinter Gudulas Rücken trat ein ihr ähnlich aussehendes Wesen hervor. Es vergüte jedoch, entgegen dem Engel vor ihr, über keine Flügel. Der Schutzgeist ging voraus und Gudula folgte ihm, allerdings nicht ohne dem genesenden Engel noch ein ‚Auf Wiedersehen’ zuzurufen.
Zur gleichen Zeit trat Claudia an eine Wolke, auf der ein Engel lag, welcher kaum das Kleinkindalter überschritten haben mochte. Sie sah, dass er weinte. Ohne zu überlegen was sie tat, griff sie sich an den Hals, zog ihre Kette aus und fügte sie in seine kleinen Hände. „Etwas zum Spielen lenkt dich sicher ab.“ Das Weinen verstummte augenblicklich und der Engel schaute sie mit großen Augen an. „Das war sehr lieb von dir. Kann ich dir auch eine Freude machen?“ „Ich weiß es nicht. Vielleicht …“ Claudia erzählte ihm von dem Auftrag, den sie und ihre Schwestern zu erfüllen hatten. Als sie geendet hatte, sagte der Engel: „Ich hörte bereits darüber und einen kleinen Teil der Antwort kenne ich auch. Nimm eine Feder aus meinem Flügel.“ „Das … das kann ich nicht. Ich täte dir dabei weh!“ Claudia wich entsetzt einen Schritt zurück. „Es sind nur Flügel. Das ist bei uns nicht so wie bei euch Menschen. Wir haben sie um unseren Auftrag zu erfüllen und je mehr Aufträge wir zur Zufriedenheit unseres Herrn erledigen, desto dichter werden sie. Ich kann ein paar Federn entbehren. Nimm bitte zwei.“ Claudia strich sanft über eine der kleinen Schwingen und im nächsten Moment fielen zwei Federn zu Boden. Sie hob sie auf. „Danke.“ Schon wollte sie gehen, als der Engel sagte: „Hier ist noch etwas. Du wirst es brauchen. Mit einer Hand fuhr er unter die ihm als Decke dienliche Wolke und zog eine Harfe hervor. „Spiele sie am Höhleneingang dort vorn. Ihr Echo wird zum Zielort leiten!“
Lore fühlte sich völlig erschöpft. Unzählige Engel hatte sie angesprochen und keiner hatte auf ihre Worte reagiert. Gerade wollte sie selbst auf einer Wolke einen Moment ausruhen, als diese sich unter ihr bewegte. „Nur noch einmal. Einmal nur noch.“ Lore sah sich um und sprang, wie von der Tarantel gestochen, auf. Da hatte sie doch tatsächlich auf einem Engel Platz genommen. Er schien schon recht betagt zu sein. „Einmal was noch?“ stieß sie atemlos aus. „Einen Schneemann sehen, wie ihn die Menschen bauen …“, drang an ihre Ohren. Lore überlegte. Bis zur Himmelsküche war es nicht weit. Dort standen Töpfe und in der riesengroßen Spritztülle vorhin war Eiweiß gewesen. „Halte noch einen Moment aus. Ich bin gleich zurück!“ Sie stürzte los, vergessend, dass es nicht in der Natur eines Engels liegt, plötzlich zum Ableben zu neigen. Während sie alles Notwendige zum Bauen des Schneemannes in einem Sack verstaute, dachte sie an ihre Oma. Oft hatte diese gesagt: „Lore, ich möchte dich sehen.“ Mit zunehmendem Alter wiederholt mehr und beim letzten Mal ergänzt: „NUR einmal noch, Kind.“ Dort hatte Lore den Worten keine besondere Bedeutung beigemessen. Dieser besonderen Einfügung des NUR schon gar nicht. Ihrer Oma diesen Wunsch zu erfüllen, dazu war es nicht mehr gekommen. Es war das letzte Mal gewesen, dass diese ihr gegenüber eine deutliche Bitte hatte äußern können. Mit geschickten Händen spritze Lore blitzschnell einen Schneemann, setzte ihm einen Hut aus Muffinschalen auf, befestigte Nusskerne als Knöpfe am Mantelrevers, eine halbe Rosine pro Auge, eine halbe Cocktailkirsche für den Mund und ein durchgebrochenes Schaschlikstäbchen für die Nase. Der Schneemann sah außergewöhnlich aus, stellte sie befriedigt fest. In der Eile hatte sie nichts Anderes gefunden, als dies hier. Der Engel hob den Kopf. „Danke. Das ist aber schön. So etwas hat noch nie jemand für mich gemacht. Schon gar kein Mensch. Was wäre für dich etwas einmalig Schönes?“ „Wenn ich die Liebe fände und den Menschen zurückbringen könnte.“ Der Engel schwieg eine Weile und sagte dann: „Ich kann dir nicht direkt helfen. Nicht persönlich im Moment. Ich bin noch zu schwach. Aber ich weiß etwas darüber und dieses Wissen gebe ich dir gern zu treuen Händen. Am Ende des Himmelsgewölbes, man muss durch eine Höhle durch, findest du die Eisbergseen. Sie bestehen aus Tränen jener Menschen, welche sich der Liebe verschlossen, sie vergaßen, ihr gegenüber hochmütig waren und sie am Ende wieder haben wollten. Das Wasser ist eiskalt, und es muss erwärmt werden. Hier, versuche es damit. Werfe ihn auf den Grund des Sees.“ Lore hielt die Hand auf und nahm den kleinen glatten Gegenstand entgegen, welcher sich beim genauen Hinsehen als Ring mit einem eingefassten Stein entpuppte, der purpurn schimmerte. „Danke dir … und gute Besserung.“ Der Engel nickte schwach und sank mit einem glücklichen Gesichtsausdruck zurück auf seine Wolke.
Carmen hatte immer noch keinen Engel gefunden, der ihr etwas hätte sagen können und sie fühlte sich das erste Mal in ihrem jungen Leben wie eine Versagerin. Daheim hatte es ihr immer geholfen, einen Spaziergang durch den Wald zu machen, um für Frischluft im Kopf zu sorgen und die Gedanken neu zu sortieren. Da vorne schien so etwas zu sein. Als sie näher kam, zeigte sich der augenscheinliche Wald als eine vertrocknete Oase, in welcher nichts mehr zu grünen und zu blühen schien. Plötzlich entdeckte Carmen den vereinsamt im Schilfgras sitzenden Vogel. Sie bog die Grashalme auseinander, um ihn näher zu betrachten. Was war das? Ein Phönix? Als Carmen ihre Hand nach ihm ausstreckte, veränderte sich seine Gestalt und vor ihr saß ein Engel, anders gekleidet als die anderen, die sie zuvor gesehen hatte. Sein Hemd, welches ihm bis zu den Füßen reichte, hatte die Farben eines Phönixes. „Was machst du hier? Warum bist du nicht im Bett wie deine Gefährten? Ich dachte bis jetzt, alle Engel seien krank. Obschon, du wirkst nicht gerade glücklich, wenn ich das sagen darf.“ “Du darfst und du hast Recht. Ich gehöre, wie du bemerkt hast, nicht zur Sorte der Weihnachtsengel. Ich habe in deren Bereich gar nichts verloren. Hier ist mein Wirkungskreis. Aber ich bin allein. Alle Engel, die früher mit mir hier waren, haben sich weg beworben und ich wäre, glaub mir, lieber krank oder noch Schlimmeres, als einsam.“ „Willst du mich begleiten?“ dachte Carmen laut und hielt sich im gleichen Moment den Mund zu. Es war bestimmt nicht standesgemäß, als Mensch einem Engel einen solchen Vorschlag zu unterbreiten. Der Engel schien zu überrascht um gleich zu antworten, weshalb Carmen fragte: „Was ist denn hier passiert? Es sah hier doch wohl nicht immer so aus?“ “Nein, hat es nicht. Einst war es eine blühende Landschaft. Der Ort, wo die Seelen eingingen, um durch das Feuer der Liebe neu geboren zu werden. Als aber die Liebe von der Erde vertrieben wurde und mit den letzten noch Wärme empfindenden Seelen auf einmal hier eintraf, hat sie alles in diesem Bereich verbrannt und nur noch Asche hinterlassen. Die letzten Feuerfunken entschwanden und es heißt, Gott höchstpersönlich habe dafür gesorgt, dass die Weihnachtsengel sie an einen sicheren Platz bringen und sie erst wieder zur Erde zurück finden, wenn beherzte Menschen die Suche danach wagen. Dabei fällt mir überhaupt ein, was ich dich hatte fragen wollen: du bist ein Mensch. Was machst du hier?“ Während Carmen ihm ausführlichen Bericht erstattete, merkte sie seine offensichtlich auf ihre Seele schauenden Augen auf sich ruhen und als sie geendet hatte, sagte er: „Diesen Tag habe ich herbeigesehnt wie keinen anderen. Ja, ich will mit dir gehen und dir bei der Bergung des Feuers behilflich sein. Ich habe etwas Zimt in die Schatulle, wo die Funken ruhen gefüllt, damit sie während der Zeit ihrer Gefangenschaft den Duft der Weihnacht nicht vergessen. Ein Gefährte von mir hat Koriander beigemischt, ein anderer Rosenduft. Aber genug der langen Rede. Zeit wurde bis hier genug verloren. Machen wir uns auf den Weg.“
Inzwischen war Laura am Fuß des Tales angekommen, wo die Höhle lag und traf dort auf ihre Schwestern Claudia und Gudula. Claudia hielt eine Harfe in der Hand und neben Gudula stand jemand, der ihr zum Verwechseln ähnlich sah. Gerade wollte Laura Gudula fragen, wer dies sei, als Lore und Carmen zu ihnen stießen. Sie klärten sich gegenseitig über das bisher Geschehene auf und als die Reihe an Laura kam, antwortete diese: „Ich habe bisher noch gar nichts Hilfreiches einbringen können! Was habt ihr denn so alles?“ Claudia hielt ihr die Harfe entgegen. „Mein Engel hat gesagt, wenn man sie am Höhleneingang spielt, würde ihr Echo zum Zielort leiten. Dann“, sie griff in die Manteljacke und holte die Federn hervor, „bekam ich noch die hier. Die Engel bekommen mit jedem erfüllten Auftrag mehr davon.“ „Das hier“, Gudula zeigte auf das ihr zum Verwechseln ähnlich sehende Geschöpf, „ist mein Schutzengel.“ Der Engel den ich traf, hat ihn aktiviert. Dann gab er mir noch den da!“, sie zeigte nach oben, wo der Stern irgendwo weit hinter der Höhle am Himmel in seiner Bewegung zu verharren schien. Lore näherte sich mit ausgestreckter Hand, auf welcher der purpurne Stein im Inneren des Ringes schimmerte. „Den habe ich von einem Engel bekommen. Er hat gesagt, dass am Ende des Himmelsgewölbes – nach einer Höhle – die Eisbergseen liegen. Sie bestünden aus den Tränen der Menschen, die um die Liebe geweint haben. Das Wasser müsse erwärmt werden und der Ring wäre hilfreich, wenn man ihn auf den Grund des Sees werfen würde.“ Jetzt erst bemerkte Laura die Gestalt neben Carmen. „Wer ist das?“, fragte sie an ihre Schwester gerichtet. „Es ist der Phönixengel. Er lebte einst in einer blühenden Landschaft, dem Ort, wo die Seelen eingingen um durch das Feuer der Liebe neu geboren zu werden. Als aber die Liebe von der Erde vertrieben wurde und mit den letzten noch Wärme empfindenden Seelen auf einmal dort eintraf, hat sie alles verbrannt und Asche hinterlassen. Die letzten Feuerfunken entschwanden und es heißt, Gott höchstpersönlich habe dafür gesorgt, dass die Weihnachtsengel sie an einen sicheren Platz bringen und sie erst wieder zur Erde zurück finden, wenn beherzte Menschen die Suche danach wagen. Er war allein, einsam und seiner Aufgabe beraubt. Da habe ich gefragt, ob er uns behilflich sein will und er hat zugesagt.“ Laura überlegte einen Moment und sagte dann: „Kommt, lasst uns zum Eingang gehen, die Harfe spielen und schauen, dass wir schnellstens zum Eisbergsee kommen, um den Ring ins Wasser zu werfen.“
Die ungleiche Gruppe setzte sich in Bewegung und folgte dem Echo der Harfe bis zum Ende der Höhle. Dort verklang die Melodie und der Blick auf eine mystisch anmutende Landschaft wurde sichtbar. Irdisch gesehen, hätte man sie mit Bildern der Highlands vergleichen können, doch die hier abstrakt vorherrschende Farbpalette mutete anders an. Eistöne vom Himmel bis zum See, der sich zu ihren Füßen erstreckte. Vom Ufer aus schien der See nicht erreichbar, wohl aber über die ihn führende Brücke, deren Steg kaum mehr als gute zwei Hände breit zu sein schien. „Da passt nur Eine von uns rüber!“ flüsterte Laura als ihr bewusst wurde, dass das Ziel greifbar nahe lag. „Will heißen, wir müssen Eins werden, um es zu schaffen. Ich habe noch nichts Produktives eingebracht, also lasst mich den Part übernehmen. Wenn es mir nicht glückt, bewahrt mein Andenken in euerem Herz. Ich tue es für uns.“ Sie hielt eine Weile inne, dachte an die Erde und ergänzte: „Für uns alle!“ Die Gesichter der Schwestern hatte allesamt die frostige Farbe der Umgebung angenommen. Einzig der Phönixengel zeigte im Moment von Lauras Ausspruch sein schillerndes Farbenkleid. „Du machst es und ich bin dein Geleit. Das darf ich, schließlich bin ich ein Schutzgeist!“ warf Claudias Engel ein. „Gib mir jetzt den Ring!“, bat Laura Lore und an Claudia gewandt: „Du die Federn. Sie sollen mich tragen!“ “Nimm eine Feder von mir und behalte sie bis zum Schluss und dann nutze sie, um zu uns zurück zu gelangen.“ Der Phönixengel strich einmal über seinen Kleidersaum und überreichte Laura ein Stück des herausgezogenen Garnfadens, welches sich beim genauen Hinsehen als winzige Feder entpuppte. Als sie die gewünschten Gegenstände hatte, schaute sie sich noch einmal um. „Wünscht mir Glück!“ Laura sah, während sie und der Schutzgeist sich in Bewegung setzten, nicht die Handknöchel ihrer Schwestern, die weiß unter der Hände Haut hervortraten, aber sie spürte den Gemeinschaftssinn der zwischen ihnen schwebte, die Verbundenheit, die ihr Herz erreichte und Kraft und Mut gab, das schier Unmögliche zu wagen.
Am Fuße der Brücke angelangt, schienen die Fäden, welche den Steg bildeten, sich zu verdichten und sicheren Fußes gelangten Laura und ihr Begleiter zur Mitte oberhalb des Sees. Laura nahm den Ring aus ihrer Jackentasche und warf ihn kerzengerade nach unten. Einen Moment lang passierte nichts. Dann plötzlich begann die Wasseroberfläche zu brodeln und Feuerfunken spritzten hoch zu der Stelle, wo Laura und der Engel standen. Aus einer Art Intuition heraus griff sie abermals in die Manteltasche und zog die Phönixfeder hervor. Im nächsten Moment hörte sie ein Zischen und spürte einen harten Aufprall auf dem Boden. Sie war zurück an Land! Atemlos erreichte ihr Blick die Kulisse der Seenlandschaft. Die vormals eisigen Töne waren satten gewichen und die über der Wasserfläche zu schweben scheinenden Feuerfunken schienen das Himmelslicht zu speisen, welches von dem Stern ausging, den eingangs Gudula in die Freiheit geschickt hatte. Ihre Schwestern hatten sich um sie versammelt, der Phönixengel war verschwunden und auch der Schutzgeist war nicht mehr da. Doch was war das? Die Mädchengruppe starrte gebannt zur gegenüberliegenden Seite des Ufers, wo eine Gruppe Frauen, ihnen selbst zum Verwechseln ähnlich, sich vom Boden erhob, über die Wasseroberfläche schwebte, die Funken einsammelte und weiter hoch zu eben jenem Stern trug, um kurz darauf in dessen Licht einzutauchen und dann aus ihrem Blickfeld zu verschwinden. Claudia räusperte sich. „Nichts wie weg hier. Es ist vollbracht!“ Bei diesen Worten erinnerten sie sich alle daran, dass dies schon einmal jemand gesagt hatte; vor langer, langer Zeit; auf dem Berge Golgatha, als Gott den Menschen das größte Zeichen seiner Liebe zuteil werden ließ.
Eiligen Schrittes nahmen die Mädchen den Weg durch die Höhle zurück durch die blühende Landschaft der Seelen hindurch und an den Wolken vorbei, auf denen die Weihnachtsengel in einen ruhigen Schlummer gefallen lagen, um kurz darauf außer Atem in das Kaminzimmer des Allerheiligsten zu stürzen. Der Weihnachtsmann, in einer Art Chronik schreibend, legte sein Schreibgerät aus der Hand und sah ihnen über den Rand seiner Brillengläser hinweg lächelnd entgegen. „Das habt ihr fein gemacht. Besser hätte es der Himmel nicht können. Ja, vor allem, er hätte es ja gar nicht gedurft! Auf Erden gibt es den Brauch der Weihnachtsfeier in Betrieben. Das soll heute hier nicht anders sein. Zwei unserer Küchenengel sind dank euerer Hilfe bereits genesen und haben etwas für uns gerichtet. Lasst uns schnell essen, denn ich möchte euch noch etwas zeigen, bevor wir zur Erde zurückkehren. Die Mädchen nahmen an der reich gedeckten Tafel Platz und während sie sich die Mahlzeit munden ließen, verfolgten sie die Bilder der Leinwand, welche das Kaminzimmer wie eine Form Kuppel erscheinen ließ. Sternenstaub rieselte zur Erde und dort, wo er niederging, erblühten Weihnachtssterne in so vielen unterschiedlichen Farben, wie die Menschheit Völker hat – ja, selbst in Regionen, wo seit Menschengedenken bisher noch nie etwas gewachsen war. Ihr Duft verströmte ein Aroma aus Zimt, Koriander, Rosenblüten und vielem Anderen mehr. Die Menschen sogen ihn ein und wurden vom Geist der Weihnacht erfüllt.
Die Mädchen, die der Liebe geholfen hatten, wieder zur Erde zu finden, durften dieses Jahr den himmlischen Boten auf seinem Weg dorthin begleiten. Als Vergeltung für ihre Dienste benötigten sie nichts mehr, denn sie waren erfüllt von dem, was nichts mehr neben sich beansprucht, wenn man es sein Eigen nennen darf.
Es bleibt zu hoffen, dass auf Erden ein goldenes Zeitalter begann, als die Weihnacht durch die Glocken der Gedenkhäuser eingeläutet wurde, deren Namen so unterschiedlich ist wie jener des Gottes, an welchen die jeweiligen Völker glauben. Ihren Höchsten, der imstande ist, alle Sprachen der Welt zu verstehen. Sinngemäß hatte wollte nun auch jede Einzelne ihre ganz spezielle Botschaft verkünden: um dem Gott der Liebe, dem Einzig Wahren, ihren ganz speziellen Dank zu huldigen …
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